Immer wieder stolpere ich über sie, manchmal zufällig, manchmal in überraschenden Momenten. Mal scheint es, sie verfolgt mich. Designforschung, wer bist du? 

Design, kann man das überhaupt verwissenschaftlichen? Und ist ein Designer, der forscht, überhaupt noch ein Designer? In einer Disziplin, die auf wenig Tradition und nur geringe akademische Praxis zurückgreifen kann, versuchen Designforscher die Brücke zwischen Forschung und Praxis zu bauen. Also eine Forschung zu betreiben, die dem Praktiker nutzt. Der Anspruch ist es, etwas für die Welt draußen zu generieren, das benutzt, diskutiert und weiterentwickelt werden kann. Denn eins steht fest: Designforscher verwenden spezifische Methoden und liefern in Denk- und Arbeitsprozessen neue Erkenntnisse. Diese Denkprozesse zeichnen sie aus und werden dringend benötigt.

Und was ist es genau? Der Designforscher Christopher Frayling zeigte schon zu Beginn der neunziger Jahre ein Modell auf, welches drei Kategorien der Designforschung zeigt: über, für und durch Design. WissenschaftlerInnen der Kunstgeschichte, Psychologie und weiterer Disziplinen beschäftigen sich in ihren Projekten z.B. mit Artefakten und Entwürfen von Designern. Sie forschen über das Design. Forschung für das Design kann als wertvolle „Zulieferung“ für den Entwurfsprozess beschrieben werden. Studienergebnisse aus Ergonomie, Soziologie oder weiteren Disziplinen liefern Argumente für den Entwurf. Die dritte Kategorie Forschung durch Design widmet sich klassischen Entwurfsprozessen aus Analyse, Projektion und Synthese und folgt der Idee, dass jeder Designer bereits entwurfsbasiert forscht und im Prozess eine neue Art der Erkenntnisgewinnung stattfindet. Claudia Mareis hat in ihrem jüngst erschienen Buch „Theorien des Designs zur Einführung“ Ansätze und Modelle skizziert, die einen modernen Designbegriff zeigen und interdisziplinäre Schnittstellen zu den Geistes- und Technikwissenschaften, aber auch zur Gesellschaft etablieren.

www.junius-verlag.de/buecher/theorien-des-designs

Ein Blick in die Forschung: Die DGTF (Deutsche Gesellschaft für Designtheorie- und Forschung, dgtf.de) vereint viele wissenschaftliche Aktivitäten der Designforschung unter ihrem Dach. Besonders in der Themengruppe design promoviert tauschen sich regelmäßig DoktorandInnen über Problemstellungen, Kooperationsmöglichkeiten und Ergebnisse ihrer Dissertationen aus. Die Anzahl der Hochschulen mit Promotionsrecht wächst stetig, eine aktuelle Auflistung finden alle Interessierten hier: www.design-promoviert.de/index.php/design-dissertationen.

Auch das Design Thinking, eine Methode und Haltung um in disziplinübergreifenden Teams Innovationen zu entwickeln, darf hier nicht unerwähnt bleiben. Initiiert von u.a. Tom Kelley (IDEO), gibt es neben der d.school in Stanford auch eine Dependance am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam, welche verschiedene Kurse in Design Thinking anbietet. Auch im wirtschaftlichen Kontext finden sich immer mehr Konferenzformate und Diskussionsplattformen, die spielerische, explorative Ansätze wie Lego Serious Play, Post-its und weiterer bunter Hilfsmittel anwenden, die sie der Designforschung und dem Design Thinking entliehen haben. Es scheint, als würde ein Umdenken entstehen, in Akademia und Wirtschaft.

[headline]Doch was passiert in der Praxis? Wie ist das Verständnis der Industrie von Designforschung? [/headline]

Im vergangenen Frühjahr wurde seitens der IHK der erste Designforschungstag 2014in Hamburg für die Wirtschaft ausgerichtet. Auch hier wurde deutlich, wie unterschiedliche die noch junge Disziplin betrachtet wird, ein weiterer Grund den Dialog zu intensivieren! Besonders durch die Kooperation verschiedener Disziplinen aus Wissenschaft und Praxis, können Problemstellungen besser verstanden, erarbeitet und gelöst werden. designforschungstag.de

Wie können sich Designer schon frühzeitig in Forschungsprozesse mit Praxispartnern einbringen? Welche Betätigungsfelder füllen Designforscher aus und welche Kompetenzen müssen sie besitzen? Welche Agenturen und Unternehmen sind bereits auf der Suche nach Designforschern? Mit diesen und weiteren Fragestellungen beschäftigt sich design:transfer (www.dgtf.de/tg/89), eine Themengruppe, die sich derzeit gründet um Synergien zwischen Designforschung und Industrie auszuloten und die Lücke von Vermittlung und Kommunikation zu füllen.

Andrea Augsten
Die Autorin ist freie Designforscherin, Beraterin und Dozentin. Sie ist Mitglied der Auswahlkommission Design der Studienstiftung des deutschen Volkes und der DGTF und hat als Associate der »Stiftung neue Verantwortung«  Methoden für das Design als transdisziplinäre Wissenschaft entwickelt. Ihre aktuellen Forschungsschwerpunkte sind Manifestationen des Designs in der Zukunftsforschung, Design Methoden und interdisziplinäre Führung. www.andreaaugsten.de